Kommentar zur Aktie RWE AG

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Am 05.06.11
von homooeconomicus
zu RWE AG

RWE jetzt antizyklisch kaufen!

Vorüberlegungen.

Nur wenige Firmen werden derzeit derart vom Markt abgestraft wie die deutschen Energieversorger. RWE zum Beispiel hat 27 % Kursverlust in einem Jahr zu verbuchen (1) . Die Ursache ist vordergründig klar: der Atomunfall in Fukushima und die daraus resultierende Ankündigung der deutschen Politik aus der Atomenergie in Deutschland komplett aussteigen zu wollen. Nun ist aber die Frage, ob dieser Unfall es tatsächlich rechtfertigt, dass die deutschen Energieversorger derartige Wertverluste hinnnehmen müssen, oder sich hierin nicht eine Panik wiederspiegelt, die man zum günstigen Kauf der Aktien der betroffenen Unternehmen nutzen kann.
Die deutsche Politik scheint sich zumindest einig, dass der Atomausstieg nun forciert werden soll. Auch die bisher atomfreundliche CDU will jetzt den Ausstieg (2). Allerdings sind nicht alle Politiker für einen möglichst schnellen Ausstieg. Stefan Mappus (Baden-Württemberg) äußerte sich so: "Ich bin für den möglichst raschen Umstieg, aber wir müssen ihn so hinkriegen, dass unser Wohlstand erhalten, Strom jederzeit verfügbar und bezahlbar bleibt"(3). Durch die Abwägung verschiedener Prioritäten wie Versorgungssicherheit und gesamtgesellschaftliche Kosten gegenüber schnellen Ausstiegsplänen sind denn auch die Vorstellungen über den Ausstiegszeitraum verschieden. Das Spektrum der Meinungen reicht von 2017 (Bündniss 90 die Grünen) bis 2022 (CDU).

Zu analysierende Aspekte:

1.Die Möglichkeit des totalen Atomausstieges in Deutschland.
2. Wie stark ist RWE davon überhaupt betroffen?
3. Wird bei einem völligen Ausstieg Deutschlands aus der Atomtechnologie RWE noch Geld verdienen können?
4. RWE fundamental betrachtet.
5. Fazit.


1. Die Möglichkeit des totalen Atomausstieges in Deutschland.

Der totale Atomausstieg klingt in der Tat bedrohlich für die deutschen Energieversorger, welche sämtlich Kernenergie im Portfolio haben, bedarf aber der Einordnung. Wird das alles wirklich umgesetzt werden?

In der Politik gibt es oft vollmündige Versprechungen, die aber wiederum oft genug zurückgenommen werden. Als thematisch verwandtes Beispiel sei nur der bereits von Rot-Grün geplante sogenannte "Atomkonsens" zu nennen, in dem ein langfristiges Auslaufen der Kernenergienutzung in Deutschland vereinbart wurde. Mit dem Ende der Rot-Grünen Regierung Schröder war auch der Atomkonsens ein fast nur noch historisch interessantes Dokument, welches bald von der CDU kassiert wurde.

Derzeit zeichnet sich allerdings bei allem üblichen Gezänk der Parteien ab, dass es einen weitgehenden Konsens (CDU, CSU, FDP, Grüne, SPD, die Linke) für einen Atomausstieg in Deutschland gibt. Selbst die Industrie wäre bereit mitzuspielen (4). Bei aller politischen Unsicherheit muss man also durchaus davon ausgehen, dass ein Atomausstieg nun angegangen wird.

Das dieser sich wiederum über viele Jahre hinzieht und am Ende dank wechselnder Regierungskoalitionen auch wieder revidiert werden könnte, ist allerdings nicht auszuschließen. Auch mag man in 5 oder 10 Jahren wiederum Fukushima als weit weniger dramatisch betrachten, wie es ja auch nach Tschernobyl irgendwann der Fall war.

2. Wie stark ist RWE davon überhaupt betroffen?

Eine naheliegende und wichtige Frage ist, welcher Versorger überhaupt wie stark von dem Ausstieg betroffen wäre. Es fällt auf, dass RWE von den deutschen Stromversorgern mit 20 % den geringsten Anteil seines Stroms per Kernenergie herstellt. Die Mitbewerber Vattenfall, Eon und EnBW liegen mit 25 %, 26 % und sogar 50 % Atomstromanteil bei EnBW merklich höher (5).

Somit wäre RWE vergleichsweise am geringsten von dem Atomausstieg betroffen. Natürlich darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch für RWE einen Umbruch bedeutet.
Weiter kann man davon ausgehen, dass bei allem Aktivismus die Bundesregierung kein Interesse daran hat, die Stromversorger Deutschlands kaputt zu machen. Diese sind nicht nur "too-big-to-fail", sondern tatsächlich systemrelevant für Deutschland.

Natürlich fragt man sich trotzdem, wie hoch die Rechnung sein kann die RWE und Konsorten am Ende präsentiert werden wird. Einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zufolge wird der Atomaustieg für die Energieriesen RWE und Eon sehr teuer werden. Die LBBW hat dabei Kosten durch die Energiewende in Höhe von bis zu 22 Milliarden Euro identifiziert, die bis zum Jahr 2022 entstehen könnten (6).

Um diese Summe einzuordnen muss man sich allerdings vergegenwärtigen, dass die Summe von 22 Milliarden ja auf 11 Jahre gerechnet zu erbringen ist und sich auf 2 Konzerne verteilt. Da RWE wie gezeigt einen geringeren Kernenergieanteil als EON hat dürften bei RWE also maximal eine Milliarde Umstellungskosten in Jahr hängen bleiben.

3. Wird bei einem völligen Ausstieg Deutschlands aus der Atomtechnologie RWE noch Geld verdienen können?

RWE ist ein ertragsstarkes und dank seinem Produkt Strom defensiv aufgestelltes Unternehmen, dass 2010 ein Nettoergebnis von 3,308 Mrd. € erwirtschaften konnte (7). 2009 war man mit 3,571 Mrd € noch stärker (7).

Derartige Erträge in einem Geschäftsfeld, in dem keine wirkliche Konkurrenz existiert, sondern ein Oligopol von wenigen Stromanbietern den Markt unter sich aufteilt ist eine gute Grundlage füt zukünftige Erträge. Die grundsätzliche Ertragskraft von RWE sollte durch den Atomausstieg nicht wesentlich berührt werden, denn man wird den Stromkonzernen gewisse Umstellungsfristen einräumen. Somit sind die von der LBBW genannte Milliarde im Jahr (runtergerechnet) durchaus eine starke Belastung, aber wohl kaum existenzgefährdend. Auch werden sich wahrscheinlich Möglichkeiten starker steuerlicher Abschreibung der Umstellungskosten sowie staatliche Hilfen Bewerkstelligen lassen.

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt ist, dass Atomtechnologie in Deutschland möglicherweise keine Zukunft mehr hat, Im Ausland aber schon. So plant RWE sich am Neubau eines Atomkraftwerkes in den niederlanden zu beteiligen (8). Somit ist das Geschäftsmodell Atomkraft für RWE weltweit noch lange nicht tot, nur eben in Deutschland.


4. RWE fundamental betrachtet.

Interessant ist nun, ob RWE bemessen am aktuellen Kurs billig oder teuer ist. Betrachten wir dazu die aktuellen Kennzahlen.

Das KGV beträgt derzeit 6,86 was schon fast obszön billig ist. Weiterer Kursverfall ist also als klarer Kaufkurs zu werten.

Der innere Wert nach Buffett mit einem Risikoaufschlag von 50 % auf Aktien, ergiebt derzeit einen Kurs von 200 €. Es handelt sich hierbei um die zum aktuellen Zinsniveau aufgezinsten Unternehmensgewinne. Diese Kennzahl ist aber immer etwas optimistisch. Aktuell spiegelt sich darin auch das niedrige Leitzinsniveau der EZB wieder, welches bei einem Leitzins von 1,25 % einen Faktor von 80, mit Risikoaufschlag von 40 (40 x 5 € = 200 € innerer Wert) ergiebt. Dennoch zeigt sich an der Kennzahl, dass aus einem Blickwinkel der reinen Kapitalverzinsung RWE günstig ist, jedenfalls um ein Vielfaches besser als Festgeld.

Die Entwicklung der Gewinne steigt von 2008 bis 2010, um sich vorraussichtlich 2011 und 2012 auf etwa 5 € pro Aktie abzuschwächen (9). Allerdings sind dies bemessen am gegenwärtigen Aktienkurs immer noch satte Zahlen.

Eine Dividende wird seit Jahren ausgeschüttet. 6,95 % Dividendenrendite sind ein weiteres starkes Kaufargument, bei weiterem Kursverfall verbessert sich diese Kennzahl ja sogar noch weiter.

Die fundamentalen Zahlen sprechen also eindeutig für einen Kauf.

5. Fazit.

RWE steht vor der politischen Belastung eines kommenden Atomausstiegs die den Konzern Geld kosten werden, keine Frage.
Allerdings muss man sich fragen, wie lang der Atem der Politik ist, dies auf Dauer durchzusetzen, wie ein bereits kassierter Atomausstieg von Rot-Grün aus dem Jahr 2001 ja zeigte.

Selbst wenn man davon ausgeht, dass der Atomausstieg diesmal umgesetzt wird, muss der kühl abwägende Spekulant sich fragen, ob dieser Atomausstieg derart katastrophal für RWE sein wird, wie es der derzeitige Kurssturz von 55 € auf nur noch 38 € nahelegt. Wahrscheinlich ist "Mr. Market" hier mal wieder depressiv geworden, wie es schon Benjamin Graham so schön beschrieb. Der Markt will die Energieversorger nun um jeden Preis - und dies ist eben ökonomischer Wahnsinn - los werden. Die Dividendenrendite etwa ist im Laufe dieses Ausverkaufs von 5,07 % am Jahresanfang auf nun schon 6,95 % gestiegen. Auch das KGV ist schon erstaunlich billig.

Dies schreit geradezu nach der Art der antizyklischen Spekulation, des "Kaufens wenn die Kanonen donnern" wie sie Börsenaltmeister Andre Kostolany propagierte. Allein, dies ist eben nur etwas für die "Hartgesottenen" oder die Methode "Aktien kaufen und dann 10 Jahre Schlaftabletten nehmen". Will sagen, man sollte RWE jetzt klar kaufen, nach dem Kauf allerdings die Zeitungslektüre etwa einschränken, denn man wird zu diesem Unternehmen und den Kosten des Atomausstieges noch viel Kontroverses lesen können. Allerdings ist diese Komponente der Unsicherheit das, was die großen Spekulationen erst möglich macht, denn "was jeder weiß macht keinen mehr heiß".

Daher für mich eine klare Kaufempfehlung.





Quellen:
(1) http://www.onvista.de/aktien/snapshot.html?ID_OSI=82818
(2) http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/atomausstieg-merkel-cdu-fuer-schnellen-atomausstieg-deutschlands_aid_611615.html
(3) http://www.tagesschau.de/inland/atomausstieg124.html
(4) http://www.sueddeutsche.de/politik/debatte-um-den-zeitpunkt-des-atomausstiegs-die-industrie-lenkt-ein-die-koalition-zweifelt-1.1101290
(5) Börse Online. Heft 18, 2011.
(6) http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2011-06/20427649-rwe-und-eon-kostet-energiewende-bis-zu-22-mrd-eur-009.htm
(7) http://www.rwe.com/web/cms/mediablob/de/543514/data/110822/3/rwe/investor-relations/berichte/Geschaeftsbericht-2010-PDF-Download-.pdf
(8) http://www.wdr.de/themen/politik/nrw04/atomkraft/110517_b.jhtml
(9) http://www.onvista.de/aktien/kennzahlen/fundamental.html?ID_OSI=82818
Anmerkungen
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RWE AG Aktie
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