Kommentar vom 03.03.13
AktieSiemens
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Siemens - Governance-Chaos bedroht die Zukunft
// Edit 27.07.2013: Ich durfte mit meiner Analyse Recht behalten. Der Siemens-Aufsichtsrat hat Löscher am Mittwoch den 31.07.2013 zur Abwahl gestellt, dieser wird also aller Voraussicht nach von diesem Posten entbunden, Finanzchef Joe Kaeser soll neuer CEO werden. Wie in meiner Analyse ja deutlich wurde, halte ich das für mehr als überfällig//

Ich möchte diese Analyse vorrangig auf die Rolle des Managements beschränken, weshalb ich jegliche Beschreibung des Unternehmens, der Geschichte oder sonstiger für die Analyse irrelevanten Nebensächlichkeiten unterlasse. Da ich hier vor allem langfristige Chancen und Risiken herausarbeiten möchte, werde ich die technische Analyse vollständig ausblenden, da diese in meinen Augen über langfristige Entwicklungen nur sehr begrenzt Aufschluss bieten kann. Im Wesentlichen werde ich mich auf die Leistung des aktuellen Siemens-CEO Peter Löscher beschränken, da diese - wie im späteren Verlauf noch deutlich werden wird - in meinen Augen das größte Risiko der Siemens AG darstellt. Beginnen möchte ich jedoch mit der Betrachtung der Person Gerhard Cromme - Aufsichtsratsvorsitzender bei Siemens und ThyssenKrupp - und seiner Rolle im Unternehmen:

Gerhard Cromme ist seit Oktober 2001 Aufsichtsratsvorsitzender der ThyssenKrupp AG, seit April 2007 Aufsichtsratsvorsitzender der Siemens AG und zweifellos eine der schillerndsten Sterne am deutschen Management-Himmel. Dennoch ist Cromme in der Vergangenheit vermehrt mit negativer Presse in Erscheinung getreten, vorrangig wurde ihm Versagen in seiner Funktion als Kontrollinstanz bei ThyssenKrupp vorgeworfen - die genauere Schilderung aller Verfehlungen um das Milliardengrab der brasilianischen Stahlwerke und darüber hinaus werde ich jedoch unterlassen, da sie hier den Rahmen sprengen würde. Am 11. Januar 2013 legte Ihm sogar die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland den Rücktritt vom Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden nahe, da sein bisheriger Umgang mit den Skandalen bei Thyssen-Krupp „ein falsches Bild auf jene Aufsichtsräte werfe, die mit großer Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit versuchen, gute Unternehmensführung zu praktizieren“. Dennoch weigert sich besagter bisher nachdrücklich den Rücktrittsforderungen nachzugeben, es scheint als könne er die Situation aussitzen, was aber in Anbetracht seiner Fähigkeit jegliche Kritik in einer mir-kann-keiner-Attitüde wegzulächeln auch nicht übermäßig überrascht. Es bleibt aber festzuhalten, dass Cromme schon lange nicht mehr so fest im Sattel sitzt, wie das noch vor einigen Jahren der Fall gewesen ist. Nun aber zu seiner Rolle in der Siemens AG:

Ohne Strategie und Kompetenz

Als Cromme Anfang 2007 Peter Löscher vom amerikanischen Pharmakonzern Merck zu Siemens holte, war es eine einsame Entscheidung; das Präsidium des Aufsichtsrats gab sein grünes Licht ohne den Kandidaten zuvor gesehen zu haben. Dieser begann auch mit einer ordentlichen Performance, bekämpfte die Korruption, baute Siemens zu einem schlankeren, schlagfertigeren Konzern um den er so weitgehend ohne übermäßige Reibungsverluste durch die Krise manövrierte. Doch nach und nach zeigte sich, dass Löscher als Konzern-fremder keine wirkliche Strategie, keine Vision hatte, wo es mit dem nach Marktkapitalisierung größten deutschen Konzern hingehen sollte. Dem anfangs geschilderten Umbau zu mehr Schlagfertigkeit folgte Anfang 2011 die Vorgabe eines Umsatzziels von mittelfristig 100 Milliarden Euro, was natürlich mit einem schlanken, effizienten Konzern nie zu schaffen war. Die absehbare Folge war, dass alle anderen Ziele dem Umsatzziel untergeordnet wurden, eines der größten Kostensteigerungsprogramme der Konzerngeschichte nahm seinen Lauf. Von nun an wurde um des Umsatzes Willen jeder noch so Margenschwache Auftrag angenommen. Die Umsatzrendite sank von 10,1 auf 6,6 Prozent, binnen 18 Monaten wurden rund 23.000 Mitarbeiter eingestellt, die Kosten explodierten, das Ergebnis je Aktie brach ein. Darauf räumte Löscher ein, hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück geblieben zu sein und kündigte ein Sparprogramm im Volumen von 6 Milliarden Euro an - angesichts der durch übliches Produktivitätswachstum eingesparten 2,5 Milliarden pro Jahr kein sonderlich ambitioniertes Ziel. Zu dieser offensichtlichen Ziellosigkeit im Management gesellten sich in der Vergangenheit noch zunehmend operatives Versagen der Siemens AG, wegen technischer Probleme konnte kein einziger ICE wie angekündigt ausgeliefert werden, der geplante Anschluss eines Offshore-Windparks verzögert sich (Kosten bisher bereits über 500 Millionen Euro) und die von Löscher akquirierte Solarthermiefirma Solel in Israel entpuppte sich als viel zu teuer, die Solarthermie als noch nicht marktfähig - Abschreibungen in Höhe von fast 400 Millionen waren die Folge. Zunehmend wurde Kritik an Löscher laut, doch Cromme attestierte Löscher immer wieder, seine Sache “im Saldo sehr gut” zu machen.

Es wird einsam um Löscher

Das Löscher dabei wenig Rückhalt im restlichen Management genießt ist aufgrund seiner offensichtlichen Unkenntnis über große Teile des Tagesgeschäfts nicht verwunderlich; bei einer Besichtigung des Berliner Gasturbinenwerks von Journalisten führte er auf die Frage, was denn ein Beispiel für den Produktivitätsfortschritt des Unternehmens wäre, die Montage einer Gasturbine an und erklärte, diese könne jetzt schon binnen fünf Tagen zusammengebaut werden - in Wahrheit sind es zehn Monate. Da ist es nicht verwunderlich, dass bei Treffen mit hartnäckigen Fachleuten oft Siemens-CFO Joe Kaeser statt Löscher anwesend ist. Zunehmend ziehen andere Top-Manager Ihre Konsequenzen; Andreas Schierenbeck (Chef Gebäudetechnik USA) ging zu ThyssenKrupp, China-Chef Richard Hausmann zu GE, Tom Blades - Chef der Öl- und Gastechnik - wechselte zu Linde. Kaeser widerrum, der sich anfangs noch vornehm zurückgehalten hat, machte in der Vergangenheit immer wieder deutlich, was er von Löscher hält. Wiederholt musste er diesen nach allzu optimistischen Prognosen zurückpfeifen, früh ließ er durchblicken wie wenig er von der 100-Milliarden-Umsatzmarke hielt und setzte damit auch durch, dass Löscher diese Anfang des Jahres wieder zurücknahm.

Gewaltige Substanz

Das alles soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Siemens immernoch gewaltiges Potential hat, technologisch in vielen Bereichen führend ist (z.B. in den bildgebenden Verfahren in der Medizintechnik, bei Gasturbinen oder Stromautobahnen uvm.) - dennoch kann sich der Konzern diese zunehmende Inkompetenz in der Führungsspitze nicht mehr lange leisten. Denn die starken Wettbewerber schlafen nicht, GE hat für 2013 Wachstumsziele zwischen 2 und 6 Prozent ausgegeben, ABB will ähnlich wachsen - und Siemens? Man rechnet 2013 mit Stagnation. So wird klar, dass das größte Risiko für das Traditionsunternehmen die eigene Doppelspitze Cromme/Löscher ist. Löschers Vertrag geht dabei noch bis Ende März 2017 doch zunehmend fragen sich Aktionäre, Investoren und Mitarbeiter wie lange er noch zu halten ist. Noch hält Cromme seine schützende Hand über Ihn, doch auch der Aufsichtsratsvorsitzende ist angeschlagen. Entscheidend ist somit für die mittelfristige Zukunft der Siemens AG: Wann fällt Cromme? Denn eins ist klar: Fällt dieser, sind die Tage von Löscher endgültig gezählt.

Was heißt das für die Zukunft?

Aufgrund des oben ausführlich dargelegten Governance-Chaos rate ich persönlich von langfristigen Investments ab. Denn auch wenn Siemens eine Riesensubstanz hat, die selbst eine unfähige Führung nicht so schnell kaputt kriegt, sind die Auswirkungen besagter zunehmend spürbar, es scheint als würde Siemens der starken Konkurrenz hinterlaufen müssen - und wenn die Überforderung der Führungsspitze weiter anhält besteht das Risiko, dass sich der Vorsprung der Konkurrenz nicht mehr so einfach aufholen lässt.


Quellen: Eigene Recherche und Vorwissen (ManagerMagazin, WirtschaftsWoche, Handelsblatt)

Update: Scheinbar hat sich Cromme meinen Kommentar auch durchgelesen und zumindest teilweise Konsequenzen gezogen: Er ist heute von seinem Amt als Aufsichtsratsvorsitzender bei ThyssenKrupp zurückgetreten, was leider an obiger Thematik wenig ändert.

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