Kommentar vom 05.03.18
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Investorarmericanoo
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Amazon-Care: Der innovative "Online-Kraken" will eigene Krankenversicherung gründen
Seit Jahren kämpft die US-Wirtschaft erfolglos gegen die steigenden Kosten im heimischen Gesundheitswesen an. Und eben genau dagegen gedenken der Online-Handelsgigant Amazon.com in Kooperation mit der größten US-Bank JP Morgan Chase sowie Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway etwas zu unternehmen. Amazon & Co schwebt nämlich vor, in Koproduktion eine eigene Krankenversicherung zu gründen - in den Genuß dieses Angebots dürften zu Beginn allerdings nur deren eine Million Mitarbeiter kommen. Langfristiges Ziel ist es aber, die allgemeine Gesundheitsversorgung für alle Amerikaner nachhaltig zu verbessern.

Das Besondere daran aber ist, dass es sich bei der neuen "Firma" um eine "Non-Profit-Gesellschaft" handeln soll, was bedeutet, dass jenes Gemeinschaftsunternehmen seine Arbeit nicht gewinnorientiert verrichtet, sondern vielmehr den Versuch unternehmen will, durch den Einsatz von analoger Technologie die Kosten im US-Gesundheitssystem spürbar zu reduzieren – vorzugsweise natürlich mit der Amazon-Technologie.

1. Weshalb Amazon ein solch "heißes Eisen" zu schmieden gedenkt

Die Frage ist berechtigt: was hat Amazon.com zu diesem überraschenden Schritt bewogen? Dazu muß dem Anleger zunächst näher gebracht werden, wie das US-Gesundheitssystem aufgebaut ist und funktioniert. Die Mehrheit der über 320 Millionen Amerikaner sind bereits heutzutage über ihren Arbeitgeber krankenversichert. Seit 1965 gibt es die beiden Programme "Medicare" für Personen über 65 Jahre und "Medicaid" für alle Personen mit niedrigem Einkommen, wodurch zumindest die medizinische Grundversorgung in den USA gewährleistet wird. Mehr als 76 Millionen Amerikaner sind heute über das staatliche Versicherungsprogramm versichert, welches für die Kosten der Arztbesuche und der Medikamentenkosten aufkommt. Und dennoch sind derzeit noch knapp 60 Millionen Amerikaner gar nicht krankenversichert. Durch den „Patient Protection and Affordable Care Act“ besteht seit 1. Oktober 2013 eine Pflichtversicherung für jeden Amerikaner – kurz "Obamacare" genannt. Wer sich trotz des Gesetzes weigert, eine Krankenversicherung abzuschließen, der muss eine Strafgebühr in Höhe von 325 US-$ oder 2 % seines Monatseinkommens zahlen – je nachdem, welcher Betrag höher ist.

2. Was sind die Kostentreiber im US-Gesundheitssystem?

Das Problem: Viele Menschen zahlen lieber die Strafgebühr, als die monatlich hohen Kosten einer Krankenversicherung tragen zu wollen. Auch sonst sind die Preise für Medikamente und Arztbesuche in den USA extrem hoch. Ein Arztbesuch kostet in den USA etwa 3x so viel wie z. B. in Kanada, Medikamente sind dort sogar bis zu 10x teurer als in Deutschland oder England. Im Jahr 2014 summierten sich die Pro-Kopf-Ausgaben der Amerikaner für Gesundheit auf 9.500 US-Dollar – damit zählt das US-Gesundheitssystem zu den teuersten der Welt. Die Gründe hierfür liegen in den Ineffizienzen des bestehenden Systems.

So können Pharmafirmen z. B. den Preis für Medikamente nahezu beliebig selbst bestimmen, da die Hürden für Wettbewerber für einen Markteintritt verhältnismäßig hoch sind, aber auch deshalb, weil die Preise derselben von der US-Administration kaum reguliert werden - anders als auf dem alten Kontinent, wo der Staat in der Regel die Preise für Arzneimittel reguliert.

3. Amazon will Mittelsmänner aus dem Spiel nehmen

Amazon sieht in der Gründung einer eigenen Krankenversicherung einen Weg, deren Kosten zu senken, indem der Online-Riese auf sogenannte "Mittelsmänner" verzichtet. Dabei geht es vor allem um Unternehmen wie AmerisourceBergen, Cardinal Health, McKesson und Owens & Minor. Denn Firmen wie AmerisourceBergen spielten bislang in der Lieferkette eine wichtige Rolle, indem sie Hersteller und Gesundheitsdienstleister zusammenbringen. Denn gerade jene Geschäftsvermittler sind ein Grund dafür, warum die Kosten für das US-Gesundheitssystems in den letzten Jahrzehnten so ausufern konnten.

Zudem stehen Vertriebsunternehmen wie Cardinal Health auch in der Kritik, für die Opiat-Krise in den USA mitverantwortlich zu sein, nachdem eben jene Unternehmen Opiate (Schmerzmittel) in den vergangenen Jahren so aggressiv beworben haben. Deswegen sah sich US-Präsident Donald Trump auch im Herbst 2017 genötigt, den nationalen Notstand aufzurufen, nachdem mehr Amerikaner im Jahr durch Opiat-Überdosen gestorben waren als durch Verkehrsunfälle oder Schusswaffen.


Mein FAZIT: Amazon.com gedenkt mit dem Schachzug, eine eigene Betriebskrankenversicherung zu gründen, in eine weitere zukunftsträchtige Branche Fuß zu fassen. Die US-Gesundheitsbranche bekommt mit Amazon.com einen wichtigen Wettbewerber, der langfristig dazu beitragen könnte, dass die Preise im US-Gesundheitssystem sinken werden. Entscheidend hierfür ist jedoch, ob es Amazon mithilfe neuer Technologien gelingt, "Mittelsmänner" wie AmerisourceBergen & Co zu ersetzen. Aber auch wenn die Disruption nicht gelingt, dürfte der Vorstoß von Amazon, JP Morgan und Berkshire dabei helfen, die Gesundheitsdienstleister insoweit unter Druck zu setzen, dass sie effizienter und innovativer werden.
Der Anleger sollte sich daher gut überlegen, ob er noch in börsennotierte Gesundheitsdienstleister wie AmerisourceBergen, McKesson & Co investieren sollte, droht jenen Anbietern doch in den kommenden Jahren ein verstärkter Wettbewerb. Amazon hingegen hat schon oft bewiesen, dass man durchaus im Stande ist, einen neuen Markt innerhalb weniger Jahre durch Disruption zu erobern. Dies gilt sowohl für den Online-Handel als auch für den "Web Services"-Bereich inklusive smarter Lautsprecher – jetzt ist offenbar der US-Gesundheitsmarkt an der Reihe. Über so viel Innovationswille und -kraft, wie anscheinend im Hause Amazon vorhanden, können sich die meisten Wettbewerber nur verwundert die Augen reiben.
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